Unterschiede zwischen Interessenkonflikten und Korruption

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Interessenkonflikte werden im deutschsprachigen Raum noch vielfach verdrängt und ignoriert. Es findet kein transparenter Umgang statt. Mangels Kenntnissen werden Interessenkonflikte und Korruption in den selben Topf geworfen. Es fehlt ein explizite Abgrenzung von (finanziellen) Interessenkonflikten und Bestechlichkeit bzw. Vorteilsannahme. Die fehlende Abgrenzung erschwert den Umgang mit Interessenkonflikten.

Was ist der Unterschied von (finanziellen) Interessenkonflikten und Korruption?

Es lassen sich drei Gruppen von finanziellen Beziehungen unterscheiden:

  1. Finanzielle Beziehungen mit angemessener fachlicher Gegenleistung (z.B. Durchführung einer Forschungsstudie),
  2. Finanzielle Beziehungen ohne angemessene fachliche Gegenleistung (z.B. Reisekostenübernahme zur Teilnahme an Kongressen als Zuhörer, kleine Gefälligkeiten und Geschenke wie offerierte Mahlzeiten) und
  3. Finanzielle Beziehungen zur bewussten Umgehung geltender Regeln (Korruption, z.B. Bestechlichkeit und Vorteilsannahme).

Korruption

Korruption ist der Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil. Dies ist ein bewusster Vorgang. Die Korruption ist gesetzlich geregelt. Sie ist ein schwerwiegendes Vergehen. In der Schweiz regeln die Gesetzesartikel Art. 322ter ff. des Strafgesetzbuches (StGB) und Art. 33 des Heilmittelgesetzes (HMG) die Korruption im Medizinalsektor.

Interessenkonflikte

Interessenkonflikte entstehen bei den ersten beiden Gruppen von finanziellen Beziehungen. Beide finanziellen Beziehungen sind erlaubt, teilweise sogar erwünscht und nützlich für die Allgemeinheit.

Finanzielle Beziehungen mit angemessener fachlicher Gegenleistung

In der ersten Gruppe ist die finanzielle Beziehung im Grundsatz akzeptabel und für die Allgemeinheit potentiell nützlich.

Beispiele sind die Durchführung von wissenschaftlichen Studien oder die Beratung von Pharmaunternehmen in der Medikamentenforschung. Wenn nun ein Forscher eine Übersicht über verschiedene Produkte machen soll, auch über selbst erforschte Produkte durch herstellerunterstützte Studien, besteht jedoch das Risiko eines verzerrten Urteils. Er könnte sich zum Beispiel unbewusst mit dem Produkt und seinem treuen Sponsor identifizieren. Der Forscher ist sich des Risikos eventuell nicht bewusst und er kann keine Beeinflussung erkennen.

Wenn die Rede von Interessenkonflikten die Rede ist, ist in erster Linie diese Gruppe gemeint.

Finanzielle Beziehungen ohne angemessene fachliche Gegenleistung

Bei der zweiten Gruppe von finanziellen Beziehungen (z.B. Reisekostenübernahme zur Teilnahme an Kongressen als Zuhörer, kleine Gefälligkeiten und Geschenke wie offerierte Mahlzeiten) entstehen für die Allgemeinheit keine Vorteile. Die finanziellen Leistungen der Industrie liegen jedoch im zulässigen Bereich der ärztlichen Berufsordnung. Ihr Wert ist zu klein um als Korruption zu gelten. Diese finanziellen Beziehungen führen jedoch zu Interessenkonflikten und dadurch zu einem Risiko von verzerrten Urteilen.

Diese finanziellen Beziehungen sind für die Allgemeinheit eigentlich unnötig und könnten ohne Schaden untersagt werden. Solange diese nicht untersagt sind, sind diese auch zu den Interessenkonflikten zu zählen.

Warum sind Interessenkonflikte problematisch?

Warum können Interessenkonflikte der ersten Gruppe der angemessen bezahlten Tätigkeiten (z.B. Forschungsstudien) und der zweiten Gruppe der kleinen Geschenke und Gefälligkeiten zu verzerrten Urteilen führen?

Interessenkonflikte spielen sich auf der unbewussten Ebene ab. Die Betroffenen sind sich der Auswirkungen nicht bewusst. Sie sehen keine Beeinflussung ihrer Handlungsweise.

Es gibt im Menschen tief verankerte psychologische Mechanismen. Sie gelten über Kulturen hinweg. Diese Effekte wurden in der psychologischen Forschung untersucht. Ein Beispiel eines solchen Effektes ist die Reziproziät.

Reziprozität

Geschenke werden durch Menschen erwidert. Auch wenn man die Geschenke gar nicht wollte. Durch die Annahme von Geschenken wird die automatische „Geschenkrückzahlung“ in Gang gesetzt. Der Mensch probiert dem Schenker entgegen zu kommen. Er ist bestrebt ein Geschenk durch eine grösseres Geschenk zu erwidern. Kleine Aufmerksamkeiten können so gezielt eingesetzt werden.

Ein Arzt könnte so zum Beispiel als Entgegenkommen unbewusst ein teures Originalpräparat anstatt eines preiswerten Generikas verschreiben, obwohl beide Produkte medizinisch gleichwertig sind und eigentlich das preiswertere Generika zu bevorzugen wäre.

Zulassung von finanzielle Beziehungen ohne angemessene fachliche Gegenleistung?

Das Wissen um die Wirkung der Reziprozität legt den Schluss nahe, die zweite Gruppe der finanzielle Beziehungen ohne angemessene fachliche Gegenleistung (z.B. Reisekostenübernahme zur Teilnahme an Kongressen als Zuhörer, kleine Gefälligkeiten und Geschenke wie offerierte Mahlzeiten) zu untersagen, da es nicht nur keinen Nutzen für die Allgemeinheit hat, sondern wahrscheinlich sogar schädlich für die Allgemeinheit ist.

Zusammenfassung

Interessenkonflikte und Korruption sind nicht dasselbe. Korruption ist gesetzlich verboten und Interessenkonflikte können aus nützlichen Tätigkeiten entstehen. Die Auswirkungen von Interessenkonflikten spielen sich unbewusst ab. Kleine Geschenke und Gefälligkeiten der Industrie sollten untersagt werden.

Weiterführende Literatur

Der Artikel basiert auf dem Fachbuch Interessenkonflikte in der Medizin: Hintergründe und Lösungsmöglichkeiten, Klaus Lieb, David Klemperer, Wolf-Dieter Ludwig, Springer, 2011. books.ch, amazon.de* Kapitel 6.2 Seite 83ff.

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